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Wem gehört der ländliche Raum?

Michaela Boehme


© Wanderlust
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He Xuefeng: Warum es die Älteren zurück in ihre Dörfer zieht [1]

Übersetzt von Michaela Böhme

 

Anmerkungen zum Text


Der folgende Beitrag wurde von He Xuefeng auf dem WeChat-Kanal des Rural Governance Research Center an der Renmin-Universität veröffentlicht. He Xuefeng ist ein renommierter chinesischer Soziologe und Experte für ländliche Entwicklung. Geboren in Jingmen, Provinz Hubei, leitet er derzeit die sozialwissenschaftliche Fakultät der Wuhan-Universität.


Als führender Denker auf dem Gebiet der ländlichen Entwicklung befasst sich He Xuefeng intensiv mit Themen wie Landrechten, ländlichen Sozialstrukturen und Strategien zur Armutsbekämpfung. Seine Arbeiten beeinflussen nicht nur akademische Debatten, sondern auch politische Entscheidungsprozesse zur Gestaltung des ländlichen Raums in China.


Dieser Beitrag ist ein leidenschaftliches Plädoyer dafür, ländliche Wohngrundstücke vor dem freien Markt zu schützen, um der Landbevölkerung im Alter einen Rückzugsort zu sichern. He argumentiert, dass viele Menschen, die zum Arbeiten in die Städte gezogen sind, im Rentenalter in ihre Dörfer zurückkehren möchten. Deshalb müsse verhindert werden, dass kapitalkräftige Käufer aus der urbanen Mittelschicht sich dort Immobilien sichern. Denn in den letzten Jahren wächst das Interesse wohlhabender Städter an Rückzugsorten in der Natur – insbesondere, wenn diese gut erreichbar und stadtnah gelegen sind.


Diese Entwicklung ist bemerkenswert, galt das Land doch lange Zeit als rückständig, während die rasant wachsenden Städte mit den Verheißung eines besseren Lebens lockten. Wer konnte, zog weg. Doch die wirtschaftliche Abkühlung in den Städten sowie der zunehmend härtere Wettbewerb um knapper werdende Ressourcen machen ländliche Regionen wieder attraktiver – wenn nicht als Arbeitsort, so doch zumindest als Rückzugs- und Erholungsraum.


Auch die staatlichen Investitionen in Infrastruktur und Programme zur „Dorfverschönerung“ der letzten Jahre dürften zur steigenden Nachfrage nach ländlichen Grundstücken beigetragen haben. Immer mehr wohlhabende Städter sind auf der Suche nach charmanten Bauerngrundstücken mit Sanierungspotenzial – sei es für den Eigenbedarf oder als kommerzielle Investition.


Vor diesem Hintergrund fordern heute viele Stimmen, die rechtlichen Beschränkungen beim Verkauf ländlicher Wohngrundstücke an Außenstehende aufzuheben. Die Lockerung, so das Argument, würde den Dorfbewohnern wirtschaftliche Vorteile bringen, nachdem sie jahrzehntelang vom Immobilienboom der Städte ausgeschlossen waren. He Xuefeng hingegen warnt vor den negativen Folgen: Eine Kommerzialisierung des ländlichen Wohnraums könnte die soziale Struktur und die Existenzgrundlage der Landbevölkerung nachhaltig destabilisieren.


In einem neu veröffentlichten Strategiepapier der Kommunistische Partei Chinas, das jährlich die agrarpolitischen Prioritäten festlegt, wird der Debatte nun zunächst erst einmal ein Ende gesetzt: ländliche Wohngrundstücke können nicht legal an Käufer außerhalb der dörflichen Gemeinschaft veräußert werden. Sicher ist jedoch auch: die Frage, wie man eine größere Teilhabe der Landbevölkerung an der wirtschaftlichen Dynamik des Lande ermöglicht ohne soziale Verwerfungen zu riskieren, wird weiterhin die Gemüter erhitzen.


 

"Warum es die Älteren zurück in ihre Dörfer zieht"

He Xuefeng


I.

Als ich in Jiyuan in der Provinz Henan für meine Forschung unterwegs war, traf ich Lao Nie. Jahrzehntelang hatte der alte Herr er in Zhengzhou gearbeitet, doch kaum war er in Rente, zog es ihn sofort zurück in sein Heimatdorf. Warum? "Das Leben macht nur Spaß, wenn man jeden Tag etwas zu tun hat", sagte er. Im Dorf kann er Gemüse anbauen, jeden Tag aufs Feld gehen, den Pflanzen beim Wachsen zusehen. Die Nachbarn tauschen untereinander Gemüse – das schafft Verbundenheit. In der Stadt? Da fährt jeder sein eigenes Auto, lebt hinter verschlossenen Türen. Der ländliche Alltag ist entspannter, die sozialen Kontakte wärmer. Und dann ist da noch die Weite: Wenn es nichts zu tun gibt, kann er einfach einen Tag lang durch die Berge streifen – Bewegung, Natur, Zeitvertreib. "Besser als in der Stadt auf den Tod zu warten."


Lao Nie trat 1970 in die Armee ein, begann 1980 in einem Kohlebauunternehmen in Zhengzhou zu arbeiten und ging 2006 in Rente. Seine Frau hatte schon 1983 ihren Wohnsitz offiziell nach Zhengzhou verlegt, doch 2008 sorgte er dafür, dass sie wieder im Dorf gemeldet wurde. Er baute auf dem alten Grundstück ein zweistöckiges Haus, legte einen Gemüsegarten an – und zog zurück.


Heute bekommt Lao Nie eine monatliche Rente von über 3.000 Yuan. In Zhengzhou besitzt er zwei Wohnungen: eine 61-Quadratmeter-Wohnung von 1983 und eine 104-Quadratmeter-Wohnung, die er 2015 mit Hilfe seines Arbeitgebers finanzierte. Diese Wohnungen überließ er seinem Sohn, der in Zhengzhou ein Geschäft betreibt, während er selbst mit seiner Frau im Dorf lebt. "Das Leben in der Stadt ist schnell, junge Leute mögen es nicht, mit Älteren zusammenzuwohnen. Also lebt jeder für sich. Seit wir in Rente sind, haben wir kaum noch Zeit in Zhengzhou verbracht."


Als Lao Nie in das Kohleunternehmen einstieg, war er einfacher Arbeiter, und er ging auch als solcher in Rente. 1980 stellte das Unternehmen über hundert ehemalige Soldaten aus ländlichen Gebieten ein. Die meisten von ihnen zogen nach der Pensionierung ebenfalls zurück in ihre Dörfer – nur diejenigen, deren Heimatdörfer zu verarmt waren, blieben in der Stadt.


Nach 26 Jahren Arbeit in der Stadt, dann als Rentner die Rückkehr ins Heimatdorf. Doch Lao Nies Entscheidung ist kein Einzelfall. Viele seiner ehemaligen Kollegen gingen denselben Weg. Was macht das Landleben für Rentner attraktiver als die Stadt? Drei Dinge: Erstens die Nähe zur Natur. Im Dorf ist der Alltag mit dem Boden verbunden, Arbeit bringt nicht nur Einkommen, sondern auch Sinnerfüllung. Die Jahreszeiten der Landwirtschaft und der Rhythmus des Dorflebens verleihen dem Leben Struktur. Zweitens die Ruhe. Während junge Leute das Stadtleben schätzen, genießen Ältere die Stille. Eine leichte Brise im Frühling, ein klarer Sternenhimmel – so sieht ein guter Tag aus. Drittens das soziale Miteinander. Im Dorf trifft man sich täglich, plaudert, raucht zusammen eine Zigarette, spielt Karten, redet über Gott und die Welt. Es ist ein Leben voller Freiheiten und Müßiggang. Zwar ist es schade, nicht mit dem Sohn unter einem Dach zu wohnen, aber dank moderner Verkehrs- und Kommunikationsmittel bleibt man in Kontakt – vielleicht ist eine gewisse Distanz sogar besser für den Familienfrieden.


II.

Lao Nie hat zwei Wohnungen in der Stadt und eine solide Rente, doch er zieht das Dorfleben vor. Mit seinem Sohn und seiner Schwiegertochter zusammenzuleben kommt für ihn nicht infrage – zu viele Konflikte, zu wenig Freiheit.


Viele ältere Landbewohner gehen nur in die Stadt, wenn ihre Kinder sie brauchen, um sich um die Enkel zu kümmern. Ansonsten fühlen sie sich dort oft wie Gäste im eigenen Leben. Junge Leute haben es in der Stadt nicht leicht, das Zusammenleben mit der älteren Generation wird da schnell zu einer Belastung.


Im Gegensatz dazu bedeutet das Dorf: das eigene Haus, ein Stück Land, auf dem man Getreide anbauen oder Gemüse ziehen kann. Genug, um sich selbst zu versorgen. Wer arbeitet, ist nützlich – wer nützlich ist, braucht niemanden um Erlaubnis zu bitten. Kein Leben in Abhängigkeit, kein Blick auf die Launen der Kinder. Daher bleiben ältere Dorfbewohner, wenn es sich vermeiden lässt, lieber in ihrer Heimat.


In China hat sich mittlerweile ein "halb landwirtschaftliches, halb industrielles Haushaltsmodell" etabliert, das auf einer generationenübergreifenden Arbeitsteilung beruht: Die Jungen ziehen zum Arbeiten in die Stadt, die Alten bleiben im Dorf. Viele sehen darin ein soziales Problem – manche sogar ein Problem systemischer Natur. Doch vielleicht ist es einfach ein System, das allen eine Wahl lässt und ältere Menschen nicht gemeinsam mit ihren Kindern in die Städte zwängt. Die Alten können in ihrem eigenen Tempo leben, zwischen Aussaat und Ernte ihren Rhythmus finden. Sie haben ein soziales Netz aus vertrauten Menschen.


Viele ältere Menschen entscheiden sich aus freien Stücken, ihren Lebensabend auf dem Land zu verbringe – eine Entscheidung, die wir respektieren sollten. Es gilt unbedingt zu vermeiden, ihnen im Namen von Flächeneffizienz oder Ausweitung der landwirtschaftlichen Nutzflächen diesen Zufluchtsort zu nehmen.


III.

Die erste Generation der Stadtmigranten kehrt langsam zurück. Die zweite Generation ist gerade noch dabei, sich in der Stadt eine Existenz aufzubauen. Viele von ihnen sind um die 40, arbeiten noch, kämpfen um ihren Platz. Aber in zehn oder zwanzig Jahren, wenn sie alt sind? Wenn es dann ein Dorf gibt, in das sie zurückkehren können, werden es viele tun.


Heute haben sie noch den Ehrgeiz, in der Stadt Fuß zu fassen – aber die Unsicherheit bleibt. Was, wenn es nicht klappt? Dann bleibt immer noch das Dorf als Rückzugsort. Und selbst wenn sie es schaffen, kann die Stadt im Alter ihren Reiz verlieren, die Rückkehr ins Dorf als eine verlockende Perspektive erscheinen. Sich mit der Natur verbinden, in einem vertrauten sozialen Umfeld leben – das ist es, was zählt. Im Dorf sind die Jahreszeiten spürbar, das Leben ist ruhiger, freier. Ein krasser Gegensatz zur Stadt: laut, hektisch, entkoppelt von der Natur. In jungen Jahren verschwendet man keinen Gedanken daran, doch im Alter ist es vor allem die Heimat, die zählt.


IV.

Der Mensch stammt aus der Natur und bleibt in ihr verwurzelt. Als junger Mensch arbeitet man im schnellen Takt der Stadt, im Alter sucht man die Ruhe des Landes. Wenn Chinas ländliche Entwicklung bis 2050 wirklich gelingt, sollte es in den „starken, reichen und schönen“ Dörfern der Zukunft genug Platz für diejenigen geben, die heute in der Stadt schuften.


Die Menschen vom Lande geben ihr Dorf nicht auf, weil sie eine Sicherheit brauchen – für alle Fälle. Und selbst wenn sie eines Tages in der Stadt bleiben, sollte es für sie immer ein Zuhause auf dem Land geben, einen Ort, an dem sie unter freiem Himmel stehen, in den Sternenhimmel blicken und alt werden können.


Für die Chinesinnen und Chinesen ist das Dorf Sehnsucht, Religion, und Heimat – das Dorf ist ihre letzte Sicherheit.



 

[1] 贺雪峰, 农民为什么愿意回村居住?, veröffentlicht online am 01.03.2025 auf dem WeChat-Kanal "Neues Landleben" (新乡土) des Rural Governance Research Center der Renmin-Universität Peking unter https://mp.weixin.qq.com/s/H5rrM6VoWjNGEae0Zb9vuQ.


 


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